
„Für mich soll’s rote Rosen regnen, mir sollten sämtliche Wunder begegnen…“. Das Lied scheint wie eine Hymne der Selbstbewussten, der Träumer und derer, die dem Leben mit großen Erwartungen die Stirn bieten. War Hildegard Knef ein solcher Mensch? Die Schweizer Regisseurin Luzia Schmid stellt sich in ihrem neuen Projekt der Aufgabe, das Bild einer wahrhaft vielseitigen Persönlichkeit zu malen.
Als ihr dieses Thema angeboten wurde, sei sie erst skeptisch gewesen, erzählt Luzia Schmid im Interview mit ALLES MÜNSTER. „Aber ich wusste natürlich, dass sie eine außerordentliche Künstlerin war und dachte, ich schaue mir das mal an. Ich habe ein früheres Interview von ihr gefunden, wo sie sagt: Dann haben die guten Regisseure mit mir einen schlechten Film gemacht. Dann lacht sie und zündet sich eine Zigarette an und ich war schockverliebt. ich wusste, diese Frau möchte ich besser kennenlernen!“ schwärmt sie. Die Kombination aus „Raubeinigkeit, Schnodderigkeit und Sensibilität“ habe sie fasziniert. Schmid habe dann „wie ein Eichhörnchen“ alles an Material gesammelt, um den Charakter des deutschen Weltstars möglichst realistisch abzubilden.
Archivmaterial aus sechs Jahrzehnten
Hildegard Knef war eine Grand Dame des Chansons und ein Weltstar. Sie war meinungsstark und im Zuge dessen oftmals provokant und umstritten. „Sie war eine intelligente Frau und ich dachte mir, sie soll ihre Geschichte selbst erzählen anstatt das Anderen zu überlassen.“ so die Regisseurin. Für ihre filmische Autobiografie wählte sie daher Originalaufnahmen von Auftritten und Interviews. Es kam keine Schauspielerin zum Einsatz, die der Stilikone ähneln sollte – das Publikum bekommt ausschließlich die „echte“ Knef. Der Dokumentarfilm verknüpft Archivmaterial aus sechs Jahrzehnten mit emotionalen Passagen aus diversen autobiografischen Büchern von Hildegard Knef, die von der Schauspielerin Nina Kunzendorf gesprochen werden.

Während man in riesige blaue Augen mit üppigen schwarzen Wimpern blickt, hört man zeitgleich die Gedanken, die sich dahinter abspielen. Der Film fühlt sich intim an. Nicht zuletzt durch die bewusst nahe Kamera-Perspektive. Der Film beginnt mit einem Close-Up der ausdrucksstarken Gesichtszüge, bei dem das Publikum nicht umherkommt, dem Charme der einstigen Diva zu erliegen. Und gerade bei ihren Auftritten, so Schmid, merke man, „dass Hildegard Knef ihrer Zeit wirklich um Jahrzehnte voraus war. Die Frau auf der Bühne und die Frauen im Publikum, da sind Lichtjahre dazwischen.“
„Sie war ihrer Zeit weit voraus“
Hildegard Knef stand seit ihrem 20. Lebensjahr in der erbarmungslosen Öffentlichkeit. Mit „Unter den Brücken“ und „Die Mörder sind unter uns“ drehte sie zwei Klassiker des Deutschen Nachkriegskinos. Große Erfolge, aber eben auch (noch) eine Zeit, in der sie mit ihrer intelligenten, ironischen und ehrlichen Art aneckte. „Ich glaube, in ihrer Modernität und ihrem Ehrgeiz, zu leben und auch ihre Nöte zu haben, war sie damals schon ein Role Model.“ so Schmid. ALLES MÜNSTER wollte wissen, ob Hildegard Knef es in der heutigen Zeit leichter gehabt hätte. „Ich denke nicht. Es ist immer hart in diesem Business. Aber ich glaube, die Qualität, die Knef hatte, die braucht es auch heute, wenn man eine solche Größe werden will. Sie war ja schließlich kein One-Hit-Wonder, sie war vielseitig begabt, hatte Ansprüche und war zu Recht in vielen Bereichen, als Autorin, Sängerin und Schauspielerin erfolgreich.“ Davon gebe es heutzutage nur wenige, aber eins verbinde sie alle: „Sie wissen, was sie wollen und sind bereit, hart dafür zu arbeiten.“
Die Knef war vor allem eins: Facettenreich. In einer Filmszene versucht sich ein Fernsehmoderator an einer Charakterisierung und verliert sich in einer Auflistung von Widersprüchen. Ganz zu Knefs Empörung „Sie machen hier gerade 24 Personen auf einmal aus mir!“ erwidert sie in ihrer frechen, rauchigen Stimme.
Ein Leben voller Höhen und Tiefen
Schmid beweist mit ihrer Darstellung deutlich mehr Souveränität und hat neben umfangreicher Recherche auch mit Menschen gesprochen, die die private Knef kannten. So bereichert beispielsweise ihre Tochter aus zweiter Ehe, Christina Antonia, den Film um eine weitere persönliche Dimension. „Sie wirkte stark, aber sie war auch sehr sensibel.“ In einem frühen Brief gibt Knef ihrer damals noch kindlichen Tochter einen Rat für die Zukunft: „Wenn du Fehler machst, mach‘ große!“
Und sie wusste, wovon sie sprach, durchlebte sie schließlich selbst schillernde Erfolge, Skandale und existenzbedrohende Niederlagen. „Sie hatte ganz viele Ups und Downs“, erklärt Schmid. „Es gab bei ihr keine Grautöne – und das muss man natürlich erzählen, damit man diese Frau kapiert, aber eben da lag auch die Schwierigkeit, sie umfassend darzustellen.“ Wahrlich eine Herausforderung, eine Frau, die gefühlt hundert Leben gelebt hat, in 90 Minuten einzufangen.
Die Welt schaute stets zu
Hildegard Knef feierte Erfolge am Broadway, brüskierte durch Nacktszenen das prüde Deutschland der Nachkriegszeit, kämpfte im zarten Alter von 18 Jahren nicht nur an der Front in Berlin, sondern im hohen Alter auch mit einer Tablettensucht. Sie wurde neu geboren durch die Liebe und starb ebenso unzählige Tode. Und egal, was sie durchlebte, die Welt schaute ihr dabei zu. Aus dem Druck, der auf ihr lastete, machte sie nie ein Geheimnis.
„Sie war damals so etwas wie die Patientin 0 eines Lebens in der Öffentlichkeit. Das gab es so in der Vorkriegszeit ja nicht“, beschreibt die Regisseurin. „Das hat sie intensiv betrieben bis zur Selbstausbeutung und das fand ich irre faszinierend.“ Mit ihrem Dokumentarfilm wünsche sie sich, dass Hildegard Knef wiederentdeckt werde – auch gerade von jungen Frauen. „Ihre Lieder sind zeitlos, finde ich. Und über ihre Kunst hinaus bietet ihre Persönlichkeit so vieles zu entdecken.“
Vielen Dank, liebe Frau Schmid, dass Sie uns auf diese Entdeckungstour einladen.
Hier gibt es Informationen zu den Aufführungszeiten im Schloßtheater.
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